Kapitel II/4
In der Nacht wirst du wach, von Geräuschen geweckt. Doch es ist wohl nur das Meer, das rauscht. Du stehst auf, nimmst deine Sachen, um weiterzuziehen. Langsam stapfst du im Mondlicht durch den Sand, siehst einen seltsamen Mann, der oben bei den Dünen schläft. Als du weitergehst, kommt dir ein großer, sehr schöner Hase entgegen. Schwarz sind seine Ohrspitzen, wie Segel gespannt. Er guckt dich an, hoppelt dann auf seinen kräftigen Hinterbeinen an dir vorbei und weiter Richtung Mann. Und du bist wieder allein, legst deine Sachen in den Sand, dich auf die Matte und schläfst ein.
Plötzlich spürst du, wie sich etwas Großes, Schweres neben dich legt; ein Körper, der sich an dich schmiegt. Eine Hand berührt warm dein Gesicht, umschließt deine Wange. Vorsichtig drehst du dich um, öffnest die Augen.
Leicht fallen lange blonde Locken in ein sanftes Gesicht. Ganz nah liegt sie neben dir, stützt ihren Kopf mit der Hand, den Ellenbogen im Sand, die andere bleibt auf deiner Haut. Da schnappt sich eine Böe den Saum ihres gelben Hemds, gibt oberhalb ihrer zusammengezurrten Bunteblumen-Hose ihre Taille frei. Du betrachtest diesen hellbraunen Streifen, ihren Bauch, der sich dort langsam auf und ab bewegt, ehe dein Blick zurückwandert in ihr Gesicht, ihre Locken, ihr Gesicht. Tieftiefblau sind ihre Augen. Und auch als deine in ihren innehalten, schließt sie sie nicht. Wie selbstbewusst sie ist.
Ein Telefon klingelt neben dir im Sand. Christiane meldet sich; du hörst ihre Stimme. Sie schmeichelt dir, erzählt, wie verliebt sie in dich sei… Du versuchst sie davon zu überzeugen, dass sie sich irre, nur so empfinde, weil du nun weit weit weg seist, sie vorher nichts dergleichen gefühlt habe – sie dich nicht wollte. Ob sie dich versteht?
Das Gespräch findet kein Ende, mal redest du, meist hörst du zu. Doch, zum Glück, die Schwedin fühlst du noch immer an dich gekuschelt. Irgendwann sagst du Christiane, dass auch du etwas für sie empfindest. Und sie legt auf. Nur wenig später hörst du das Geräusch eines Hubschraubers in der Dunkelheit. Hinter der Düne taucht er auf und landet direkt am Strand. Lächelnd steigt Christiane aus. All ihre Freunde hat sie im Schlepptau. Du erkennst, dass sie alles vorbereitet haben musste, nur darauf gewartet hatte, dass du so etwas sagst.
Christiane, du und die anderen sitzen um einen großen weißen Tisch. Wenn du sie ansprichst, rutschen dir immer wieder Anfangssilben anderer Namen heraus, Namen von Frauen, für die du dich mal interessiert hast. Peinlich ist dir das, und du sagst, dass man Schönheit nicht erzwingen kann, planen, so wie sie ihren Besuch bei dir geplant hat. Und du flüsterst, du habest ihren Namen aus deinem Gedächtnis brennen müssen; das sei die einzige Möglichkeit gewesen. Du siehst, wie sie das freut; zugleich aber glaubst du der Schwedin, die abseits umherspaziert, ein deutliches Zeichen gegeben zu haben.
Allein gehst du mit Christiane den Strand entlang und ihr kommt an eine Seebrücke mit Girlanden aus kleinen Lämpchen. Bald hast du ihre rauen Planken unter deinen nackten Füßen, wärmer sind sie als der Sand. Während deine Hand im Licht des Mondes übers Brückengeländer streicht, kommt ihr immer weiter aufs Meer hinaus, als in der Ferne ein helles Gesicht auftaucht. Sie ist es. Und sie kommt auf dich zu, kommt immer näher. Leuchtend umspielen ihre Locken Schultern und Gesicht. Ein paar Schritte noch, dann bleibt die Schwedin stehen, so nah, dass du meinst ihre Hose im Wind flattern zu hören.
„Erinnere dich an mich!“, sagt sie.
„Ja“, antwortest du.
Glücklich schlenderst du mit Christiane den Weg zurück, den ihr gekommen seid, bis du den weißen Tisch unterhalb der Düne wieder ausmachen kannst, an dem ihre Freunde noch immer sitzen. Zigaretten glühen auf. Und auf einmal läufst du los, machst einen Flick-Flack.
„Nicht schlecht, nicht schlecht… Aber kannst du auch nen Salto?“, ruft dir jemand zu.
Für die da hast du ihn doch gar nicht gemacht! Für wen dann? Wieder nimmst du Anlauf, wirst immer schneller, springst ab… hoch… weit… So jedenfalls hat es sich angefühlt. Christiane kommt und misst: „Fünfmetersechzig.“ Das ist wenig. Immerhin, du bist bergauf gesprungen… Aber:
„Das war doch nichts!“ tönt es aus der Runde.
Christiane legt ihren Arm um deine Taille, klimpert mit ihren dick geschminkten Wimpern und haucht: „Ich mag meinen Schokoladenmann auch, wenn er nicht weit springen kann. Dafür spielt er immer sooo schööön Klavier für mich.“
Du schlägst die Augen auf. Es ist noch Nacht. Im Schlafsack sucht deine Hand den Reißverschluss, öffnet ihn. Du lockerst die Kordel der Kapuze, setzt dich auf und schiebst dein Gesicht in den Wind. Stark weht er vom Meer. Sofort weißt du, wo du bist, erinnerst die späte Anfahrt zum Dorf und weiter hierher an den Strand, um gleich die erste Nacht direkt am Ozean zu verbringen. Auch, dass du geträumt hast.
Du blickst hinaus, über den schimmernden Sand den in weißem Schaum zergehenden Wellen entgegen. Das Nachtlicht gibt ihnen nun etwas Sanftes, Gemütliches, wie ein weiches Bett, in das man sich hineinlegen möchte. Auch ihr Rauschen wirkt gedämpfter. Darüber hängt noch immer ruhig der Mond, und eine Unmenge heller Sterne hat sich um ihn geschart. Ein ungewöhnliches Gleichgewicht, eine seltene Harmonie, die sie da gefunden haben. Aber der Traum…? Kaum dass du dich fragst, entdeckst du ein ganzes Stück von dir entfernt etwas unten am Ufer. Kleine, sich bewegende helle Punkte, die plötzlich verschwinden, um gleich darauf an anderer Stelle wieder aufzutauchen.
Auch wenn du nach einer Weile den Eindruck hast, als verändere sich das Gesamtbild dieser kleinen Lichter kaum, wirken die einzelnen, schleppenden Bewegungen ihres meist nur kurzen Daseins doch immer wieder irritierend zufällig. Grübelnd spähst du, versuchst, an eine Sinnestäuschung zu glauben, was dir genauso wenig gelingt wie eine beruhigende Erklärung für das Ganze zu finden. Immerhin fühlst du dich dort, wo du bist, in sicherer Entfernung, als aus dem Nichts etwas über dich hinwegschießt.
„Man!“ Eine Gänsehaut überzieht deinen Kopf. Wind, der sie kühlt. „Was war das!? Ein Tier? Ein Vogel?“
Tief haben sich deine Hände im Sand vergraben. Und unheimlich wird dir dieser Strand. Da bemerkst du das Flatterspiel, das der Wind vorsichtige mit deinem Hemd vollführt, und du beruhigst dich wieder. Vielleicht stammen die Lichter nur von Austernsammlern, die die nächtliche Tide ausnutzen? Nein, unmöglich. Denn jetzt ziehen einzelne Punkte direkt in die Brandung, wandern ganz gemächlich über sie hinweg, schweben dann auf der Stelle. Ja, schweben über dem Wasser.
Du wirst deine Unsicherheit nicht los. Und dass du anfängst, über das Einsetzen der Flut nachzudenken, die dich hier bis zum Morgen überraschen könnte, macht es nicht besser. Da wird dir klar, weit genug vom Meer entfernt zu sein. Ein paar Augenblicke noch siehst du den leuchtenden Punkten nach, ehe du deinen Rucksack heranziehst, Stift und Kalender nimmst, um im schwachen Licht einer alten Taschenlampe deinen Traum aufzuschreiben.
Als du kurz nach Sonnenaufgang erwachst, strahlen dich Himmel und Meer blau, weiß, orange an. Ein paar Angler in Gummistiefelanzügen sind dabei, ihre Sachen zu packen. Und du schlüpfst aus dem Schlafsack, als du hinter dir Spaziergänger bemerkst, die dich von der Promenade aus mit verwunderten Guten-Morgen-Augen begutachten.
Aufgewärmt vom Schlaf, greifst du nach deiner Jeans, die neben der Isomatte im Sand liegt, ziehst sie an und lächelst hinüber zu den frühen Strandbesuchern, die dich jetzt nicht länger stören wollen und weiterspazieren. Auch du machst dich auf, um dir aus dem Auto etwas fürs Frühstück zu holen.
Auf einer ausgebreiteten Decke lässt du dir Milch, weiches Toastbrot mit Käse und ein paar Weintrauben schmecken. Wärmend streicht dir das, was vom Wind geblieben ist, über die Arme – unter der Haut kribbelnd die Erfahrungen der Nacht. Doch mit den süßen Weintrauben im Mund ist die Welt an diesem Morgen für dich bald nicht viel mehr als das vertraute Brandungsgeräusch vom Meer.
Als du aufgegessen hast, packst du deine Sachen zusammen, um irgendwo im Dorf einen Kaffee zu trinken.
Am Dorfplatz hast du deinen Wagen geparkt und steigst aus. Neben einem kleinen Supermarkt liegt ein Bistro und du gehst hinein. Es ist nicht gerade schön, doch interessiert dich das wenig, solange nur der Milchkaffee schmeckt.
Eine Tasse cremiger Schaum mit einer weiß-braunen Schnecke in der Mitte wird dir hingeschoben. Dazu eine Schachtel Zigaretten. Mit beidem in den Händen gehst du durch den kargen hellen Raum und setzt dich an einen der weißen Plastiktische. Fröhlich hörst du die Stimme eines Vogels zwitschern, und du hast sogar das Gefühl, als habe er überhaupt erst jetzt, seitdem du bei ihm sitzt, begonnen, seine Geschichten zu erzählen.
In seinem Käfig oben an der Wand hat er einen Spiegel, an dem er sich unermüdlich mit dem Schnabel zu schaffen macht. Dabei singt er den Spiegel immer intensiver an, als sei das Wesen, das er in ihm erblickt, das absolut Wichtigste für ihn. Und du bist versucht zu glauben, in diesem singenden Kanarienvogel das glücklichste Geschöpf der Welt vor dir zu haben, da es sein Gegenüber niemals verliert – es ihm antwortet, wann immer er es anspricht, ihm entgegenkommt, wenn immer auch er ihm zustrebt. Bis… ja bis zu dem Augenblick, als der Vogel mit geschlossenem Schnabel auf den Spiegel einstößt – heftig, heftiger… und schließlich so mit aller Gewalt, dass sich der Spiegel an seinem Faden um die eigene Achse dreht und der Artgenosse in seinem Käfig als Illusion verpufft. Aber, nur wenig später hat er sein Spiegelbild wieder vor sich. Und er beginnt vorsichtig, es erneut anzuzwitschern, zu küssen, zu liebkosen und… sich zu versöhnen, ohne dass er auch nur ein einziges Mal eine andere Stimme als die eigene vernommen hätte. Denn in seinem Käfig – so hemmungslos und vergeblich sein Bemühen auch ist – bleibt ihm dieses Wesen dort doch sein einziger Kompagnon.
Calypso? Calypso?
Ach, da bist du ja.
Binjamin geht es so gut mit dir. Und er will, dass es immer bleibt, so wie es ist.
Jajaja.
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