Kurzkurzgeschichte Nr. 2
Ich bin nicht gerade einfach, habe gelegentlich Ticks, die ich nicht kontrollieren kann. Und Katharina ist auch oft unterwegs, so dass ich viel allein bin. Wir leben hier in einem großen Haus. In der oberen Etage wohne wir, aber auch andere, z.B. Tobias. Tobias versteht sich mit den Katzen ganz besonders gut. Manchmal sind alle in seinem Zimmer versammelt und tummeln sich auf seinem großen Bett. Einer Schlafcouch, die er – vielleicht für uns – meist nicht zu einem Sitzmöbel zurückbaut. Ich liege dann wie die anderen da auf der weichen Polsterdecke, und ich denke… ja, ich denke wohl tatsächlich eine Zeitlang nichts. Gehöre einfach nur dazu. Bis irgendwann mein Schwanz unruhig wird und ich immer mal wieder zu ihm hinsehen muss, seine Bewegungen verfolge. Ich merke, wie mich das ärgert. Er ist tatsächlich etwas kürzer als der der anderen Katzen. Ich glaube, als Kind habe ich mal ein Stück davon verloren. Aber ich kann mich nicht erinnern. Ich knurre meinen Schwanz leise an, anfangs wirklich nur ganz leise. Aber das Knurren wird lauter, mein Schwanz bewegt sich stärker, schlägt irgendwann von der einen Seite zur anderen. Hin, zurück, hin, zurück. Wie vom Blitz getroffen springe ich auf, jage ihm hinterher, drehe mich, drehe mich auf einer Kreisbahn, beiße in ihn hinein, wenn ich ihn plötzlich habe, drehe mich weiter, wieder und wieder. Finde keinen Moment Ruhe. Als wüsste ich, ein Ende gibt es nicht. Die anderen Katzen fliehen vom Sofa, und ich, ich fliehe auch von meinem Ort, fliehe aus Tobias‘ Zimmer. Laufe durchs große Haus, laufe, laufe… und finde schließlich doch Ruhe in Christas Trakt, im Gang, der ihre Zimmer des Seitenflügels mit dem Rest verbindet. Ich weiß, sie ist nicht da, atme durch.
Ich denke an Tobias, der seine Lieblingskatze hat, die ich nicht bin, obwohl er sich auch um mich kümmert. Neulich habe ich seine Lieblingskatze draußen an der Hauswand die Weinpflanze ganz hinauf in sein Zimmer klettern sehen. Sie ist auch ein richtiges Raubtier, nur Muskeln und Gewandtheit. Ich dagegen bin unförmig, besonders mit meinem zu kurzen Schwanz. Und etwas dick bin ich auch. Ich würde dort hoch und übers offene Fenster nie in sein Zimmer kommen. Das denke ich, als ich schon durch die Katzenklappe nach draußen gehe, ums Haus komme und kurz darauf den Wein riechen kann.
Irgendetwas zieht mich genau dorthin, und dann stehe ich tatsächlich unter Tobias‘ Fenster. Es ist ganz weit hoch, hoch über mir. Wir wohnen in einem Gutshaus und alles hier ist groß und schüchtert mich ein. Jederzeit kann sich die Situation ändern, ein Mensch, eine Katze meinen Weg kreuzen, worauf ich mich nie vorbereitet fühle.
Wieder blicke ich den Wein entlang, sehe unten ein paar kräftige Äste, lasse meine Krallen in sie fahren, ziehe mich etwas nach oben, schnappe mir die nächsten Zweige und ziehe mich weiter hoch. Oben nehme ich jetzt die Musik war, die aus Tobias‘ Zimmer kommt. Sie ist noch weit weit weg… Aber egal wie weit, ich muss hier jetzt weiter. Wie locker meine Muskeln meinen unförmigen, runden Körper halten, überrascht mich. Und dann blicke ich nach unten. Und sehe: Zurück kann ich jetzt nicht mehr! Unten würde ich auf die Steine stürzend sterben. Also langen meine Pfoten nach den nächsten Zweigen, den übernächsten und den überübernächsten. Irgendwie finden auch meine Hinterbeine ihren Weg und kommen mit, lassen mich nicht im Stich.
Oben sehe ich jetzt den Vorsprung, die Fensterbank, die etwas übersteht, eine schwierige Stelle, die ich noch überwinden muss, da ich nicht damit rechne, dass Tobias mich zu sich hineinzieht wie seine Lieblingskatze.
Ich steuere am Rand der Fensterbank den Wein hoch, höre plötzlich das Rascheln, das ich mache. Ob die drinnen mich auch hören? Tatsächlich, alle glotzen mich an, als ich oben bin, und hinein ins Zimmer sehe! Tobias und alle anderen trauen ihren Augen nicht. Doch ich springe nur auf den Teppich und von dort direkt aufs Sofabett, zurück auf meinen Platz, und schlafe ein.
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