Kurzkurzgeschichte Nr. 1
Seit Wochen geht es hier nicht weiter. Ich liege auf meinem Sofa und habe keinen Ort, an dem ich Verpflichtungen hätte. Denn das Schreiben auf dem Tisch am Fenster hat seinen Inhalt nicht verändert: „Bitte haben Sie noch etwas Geduld. Wir werden Ihr Anliegen zeitnah prüfen und entscheiden.“
Nachdem ich direkt nach meiner Ankunft in Heidelberg meine Unterlagen vorgelegt hatte, glaubte ich, es sei nur eine Sache von ein paar Tagen, dass mein Studium begänne. An der Uni, meinte ich, die versäumte Zeit auch schnell nachholen zu können. Aber das Einzige, dass zeigt, dass ich wirklich hier bin, sind diese wenigen Zeilen vom Unisekretariat.
An den Wochenenden ziehen laut grölend Erstsemester unter meinem Fenster vorbei – die Kennenlern-Woche ist zu Kennenlern-Monaten geworden. Alle haben Bier in der Hand. Sowas kenne ich auch aus Dänemark. Nur leider mag ich gar kein Bier, bin auch kein Däne, nicht mal aus der EU bin ich, obwohl ich Jahre im dänischen Aarhus wohnte. Sicher wäre es dort einfacher gewesen, an die Uni zu kommen, doch ich wollte partout nach Heidelberg, „Deutsche Romantik“ studieren. Wieso eigentlich? Ja, wieso eigentlich. Ich ärgere mich über mich selbst. Wieder mal musste ich meinen Kopf durchsetzen, Wände einreißen. Stattdessen bin ich voll wieder abgeprallt. Und mein Schädel ist wie Brei von all den Zigaretten, die ich rauche. Dabei wird mein Geld, auf das ich seit meiner Ankunft sorgsam achte, immer weniger. Ausgehen war da nicht drin. Warteschleife. Warteschleife.
Doch dieses Zimmer hier ist im Dezember nicht gerade gemütlich. Die Heizung schafft, wenn es ein guter Tag ist, so 17 Grad. Meistens liege ich deshalb unter einer Decke auf dem Sofa. Genau wie jetzt.
20.32 Uhr zeigt mein Handy. Freitag. Ich stehe auf und gehe zum Fenster. Unten ziehen eine ganze Menge Menschen durch die Fußgängerzone, anscheinend wirklich gut gelaunt. Vielleicht sind einige von ihnen auf dem Weg in den unterirdischen Pub mit der guten Musik. Manchmal bin ich stehengeblieben, wenn ich dort vorbeikam, sah Studenten die Treppe nach unten stürmen oder hinauftorkeln. Meist waren es Gruppen, die sich dabei an den Händen hielten oder einander umarmten, weshalb ich es allein nie wagte, mich den Stufen zu nähern.
In der Ferne biegen tatsächliche einige der Studenten an der Ecke ab, wo es direkt zum Pub geht. Ich drehe mich um und gehe wie ferngesteuert ins Bad, bücke mich und greife hinter das kleine Regal, ziehe einen Brustbeutel hervor. Ich öffne ihn, hole 50 Euro heraus. Dann stehe ich vor dem Spiegel und mein Gegenüber scheint mir zuzunicken. Also stecke ich das Geld in mein Portemonnaie, gehe zurück ins Zimmer, nehme meinen Lieblingspullover aus dem Schrank, ein neues T-Shirt. Noch die Schuhe an, die Jacke über und schon bin ich eingereiht in den Strom vergnügungssüchtiger Heidelberger Erstsemester.
Bald nähere ich mich dem Pub und werde für ein paar Augenblicke langsamer, vorsichtiger, nachdenklicher, doch dann stehe ich an der Treppe. Und nehme die ersten Stufen.
Als ich die Tür öffne, schwappt eine Welle ausgelassener Lebensenergie über mich. Musik, man tanzt, von links nach rechts zieht es die Leute und wieder zurück. Ich weiß nicht gleich, wohin ich mich bewegen soll, entdecke aber etwas freien Raum am Tresen. Als ich dort ankomme, werde ich sogleich freundlich begrüßt.
Ein Bier?
Welche Sorten gibt es denn?
Hunderte!
Dann nehme ich… eins aus der Region.
Da haben wir das Weihnachtsbräu. Das ist allerdings stärker als ein normales Bier.
Ja, okay!
Wenig später habe ich die Flasche der Badischen Brauerei, gegründet 1889, und ein großes Glas vor mir. Ich schenke mir ein, nehme einen Schluck von einer bräunlich-zähen, dafür süßen Flüssigkeit. Sie schmeckt fast wie ein Nachtisch, und so lasse gleich noch einmal etwas davon durch meinen Rachen laufen. Schon beginne auch ich, zur Musik meinen Körper zu bewegen, drehe mich mit dem Glas in der Hand zur Menge. Ein wunderschönes Mädchen zieht an mir vorüber, prostet mir zu. Wieder nehme ich einen Schluck – Wow, die war hübsch. Und ich bemerke, dass meine Körpertemperatur gestiegen ist und mir heiß wird. Ich stelle das Glas auf den Tresen und hänge meine Jacke über den Barhocker. Nur ein paar Meter weiter steht die Studentin jetzt – und mir geht es gut! Bloß ist mir noch heißer. Ich trinke mein Glas in einem Zug aus und fülle es auf, bis die Flasche leer ist.
Na, du hast ja ‘nen Zug am Leib!
höre ich eine Stimme hinter mir. Ich drehe mich wieder um, und ein lockiger Kopf mit einem Glas an den Lippen bewegt sich im Takt.
Eigentlich trinke ich gar kein Bier.
Ja, genau…
Nein, wirklich. Aber das schmeckt erstaunlich gut.
Dann musst du erstmal das probieren, was ich hier grade habe.
Und sie hält mir den Strohhalm ihres Cocktails vor die Nase. Also ziehe ich einmal kräftig. Boah, das ist stark. Ich schüttele mich.
Das passiert nur beim ersten Schluck. Danach läuft’s sooo runter.
Und wie heißt das?
„Bis zum nächsten Morgen“
Was für ein cooler Name, denke ich.
Komm, nimm noch einen Schluck.
Aber dann ist dein Cocktail ja gleich leer…
Mach dir keine Sorgen, ich bestelle eh gleich neue für dich und mich. Weißt du, dass du einen süßen Akzent hast. Und sie drängelt sich an mir vorbei zum Tresen.
Ich finde auch, dass sie eine sehr sympathische Stimme hat, doch würde ich das nie so direkt sagen. Und ein lustiges, fröhliches Gesicht noch dazu. Schnell trinke ich mein Bier leer, stelle es etwas abseits ab.
Ich spüre, dass ich dringend von meinem Pullover befreien muss, um nicht überzukochen. Ihre Locken sind so voll, dass ihr Gesicht dahinter ganz verborgen ist. Und ich frage mich für einen Augenblick, wo ich gerade bin, was hier passiert. Doch da dreht sie sich mit zwei Gläsern in der Hand schon zu mir um:
Kommst du mit?
Klar, denke und sage ich. Vor mir geht sie durch die Menge und ich folge ihr zu einem Tisch mit mindestens zehn jungen Leuten.
Wen hast du denn da im Schlepptau?
Das ist… ein Trinker!
Nein…!
Doch! Und er hat einen tollen Akzent!
Dann prost!
Prost!
Wieder trinke ich von diesem Hochprozentigen. Dabei vertrage ich nicht viel und trinke eher wenig, eigentlich fast nie. Trotzdem rufe ich: Prost! in die Runde. Und alle heben ihre Gläser, lächeln mich an. Keiner stellt sein Glas gleich wieder ab, nein, jeder nimmt zuerst einen kräftigen Schluck.
Prost, Akzent! ruft plötzlich einer.
Und ich proste zurück, grinse mittlerweile sicher über beide Ohren:
Lecker, dieses „Bis zum nächsten Morgen“!
Ich heiße übrigens Ivette, sagt der Lockenkopf. Und wir studieren alle Pharmazie. Komm, ich sitze da.
Und sie zeigt auf ihren leeren Stuhl, zieht mich mit sich dorthin. Vom Nachbartisch klaut Ivette einen weiteren Stuhl, greift mich bei den Schultern und drück mich behutsam auf meinen Platz.
Ivette – wie nett!
kommt mir über die Lippen. Und sie grinst mich an, als habe sie Verständnis für diesen dumme Witz:
Und du, hast du einen besseren Namen?
Ronaldo. Wie der doofe Fußballspieler.
Ronaldo-alsbaldo!
Und sie lacht, dass ihre schneeweißen, ebenmäßigen Zähne allesamt aufblitzen. Und plötzlich bin ich von dieser Schönheit eingeschüchtert.
Toll… Zähne… oder? So wie du auf die starrst.
Dir entgeht aber auch nichts. Prost, Ivette!
Prost, Alsbaldo!
Da greift mir jemand von der anderen Seite unter den Arm, hakt mich ein, und schon schunkelt der ganze Tisch zur Musik. Ivette wirft mir ihren Schopf dabei immer wieder vorsichtig an den Hals, dass ich ganz in ihrem Duft eintauche.
Da kommt jemand mit einem Tablett mit Schnäpsen, stellt es auf den Tisch. Jeder greift sich ein Glas, Ivette gibt mir meins, strahlt mich an:
Prost allerseits!
Also exe ich das Glas wie alle anderen auch.
Alsbaldo, hast du heute noch was vor?
Nein, auf mich wartet niemand.
Dann schlage ich vor, alsbaldo nochmal woanders hinzugehen.
Was könnt‘ ich da für Einwände haben…
© 2026 Esam Abou-El Magd. Alle Rechte vorbehalten.
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